Wie kann man eine Farbe, ihre Entstehung, ihre Eigenschaften sichtbar machen? Dem Berliner Blau, einer synthetischen tiefblauen Farbe, die erstmals 1706 in Berlin durch Zufall entstand, nähern wir uns mit künstlerischen und wissenschaftlichen Fragen. Wir stellen Berliner Blau selbst auf Chromatographiepapier experimentell her und gehen zugleich seinen materiellen, historischen und politischen Verflechtungen nach: etwa den verschiedenen Namensgebungen im 18. Jahrhundert, als es noch kein Patentrecht gab – Diesbachblau, Turnbulls Blau, Prussian Blue, Bleu de Paris, Miloriblau, Sächsischblau, Chinablau, oder der Verwendung in chinesischem grünem Tee im 19. Jahrhundert. Dabei befragen wir westliche Konzepte, die heute noch relevant sind und gegenwärtige Erzählungen wie die von „Chinese trash“ bestimmen: Original und Kopie, Ursprung, Entdeckung, Eigentum, Autorschaft und Copyright – denen etwa das chinesische Konzept des shanzai entgegentritt. Die künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Berliner Blau, die auch die Praktiken, Fertigkeiten und Materialien ebenso wie die spezifischen kulturellen und politischen Deutungen der Farbe in den Blick nimmt, führt uns zur Denkfigur des Kapillarischen: Indem es aufsaugt, verbreitet, vermischt und dabei das Unerwartete hervorbringt, kann das Kapillarische ein Trans-Modell sein – das auch die politische Komponente des Einmischens enthalten könnte.

Buch zu den Verflechtungsgeschichten des Berliner Blau.
140 Seiten. Deutsche & Englische Ausgabe.
ISBN 978-3-00-087615-8

doi.org/10.18452/38167

aufsaugen – verbreiten – vermischen – übertragen. Berliner Blau und das Kapillarische

Vortrag und Live-Experiment mit anschließender Buchpräsentation im Tieranatomischen Theater